Seit anderthalb Jahren ächzt die Welt unter der Covid-19-Pandemie. Auch wenn Krankenfälle, persönliche Schicksale, finanzielle Sorgen jedes Einzelnen von großer Relevanz sind: Tierschutzvereine haben mit der Situation ebenfalls zu kämpfen. Finanziell, im Vermittlungsalltag, und mit der zu erwartenden Abgabewelle von unüberlegt angeschafften „Corona-Tieren“.

von Steve Niewisch

Bei vielen Tierheimen hat die Corona-Krise ein großes Loch in den Haushalt gerissen. Eingeplante und wichtige Einnahmen aus Veranstaltungen brechen weg, ebenso Einnahmen durch Pensionstiere. Laut Deutschem Tierschutzbund sind bei der Hälfte der angeschlossenen Tierheime die Spendeneinnahmen gesunken; ebenso viele mussten Rücklagen teilweise oder ganz aufzehren. Viele Vereine als Träger der Tierheime und tierheimähnlichen Einrichtungen, die sich größtenteils aus Spenden finanzieren, stehen damit vor massiven Problemen.

Die Bundesregierung hatte im Bundeshaushalt 2021 fünf Millionen Euro zur Verbesserung der Situation in den Tierheimen und ähnlichen Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Diese „Corona-Tierheimhilfen“ sollen Mindereinnahmen durch die Pandemieeinschränkungen auffangen, einen Beitrag zum Fortbestehen der erheblich getroffenen Vereine leisten und das Tierwohl unter diesen besonderen Bedingungen gewährleisten. Für den Tierschutz allgemein sind diese Gelder wichtiges Signal. Auch unser Verein konnte 7.500 € aus diesem Sonderfonds für Tierheime erhalten – ein kleiner Geldregen zur rechten Zeit.

Wir sind schon etwas stolz, dass unser Verein samt Tierheim bislang finanziell relativ gut durch die Pandemie gekommen ist, was wir in allererster Linie unseren Tierfreunden und Spendern zu verdanken haben. Zwar haben wir Einbußen hinnehmen müssen, jedoch war die Spendenbereitschaft durchgängig recht groß, kamen Geld und Futterspenden reichlich, ohne dass es einen gezielten Spendenaufruf dafür gab. So beispielsweise im Dezember 2020 zur ausgefallenen Heiligabend-Bescherung: obwohl oder gerade weil der Besuch im Tierheim nicht möglich war, haben uns unfassbar viele Spenden erreicht. Auch die Amazon-Einkaufsliste, über die Tierfreunde direkt Futter und Verbrauchsmaterialien ans Heim schicken lassen können, oder das ‚Amazon Smile‘-Programm, über das Amazon zu jeder Bestellung noch zusätzlich 0,5 Prozent der Bestellsumme an unseren Verein spendet, haben über die sozialen Medien viele Gönner gefunden.

Dennoch: unterm Strich macht sich die Pandemie natürlich auch in den Finanzen unseres Vereins bemerkbar, beispielsweise wegen der fehlenden Einnahmen für Pensionstiere. Jedoch sind diese Verluste weniger stark als befürchtet, und weniger bedrohlich, als es den einen oder anderen Verein in Deutschland trifft. Dafür möchten wir uns in aller Form bei unseren Vereinsmitgliedern und spendablen Tierfreunden bedanken.

Tierheim-Alltag

Die Stimmung der Mitarbeiter und der Ehrenamtlichen war und ist weiterhin gut. Alle Mitarbeiter haben sich ohne Kurzarbeit „durch die Pandemie gearbeitet“, so Tierheim-Leiterin Jasmin Bergmann – selbstverständlich, da unsere Tiere durchgängig zu versorgen sind. Die ehrenamtlichen Helfer haben stets dort geholfen, wo es nötig und im Rahmen des Lockdowns möglich war.

Während der Corona-Zeit wurden auffallend viele Katzen vermittelt, so dass Anfang Juni nur noch etwa 10 Katzen im Heim waren - ein seltener Tiefstwert. Auch zwei Hunde haben in diesem Jahr ein neues Zuhause gefunden.

Nach dem harten Lockdown zum Jahreswechsel läuft seit Anfang Mai die Vermittlung unserer Heimtiere wieder eingeschränkt und unter Einhaltung der nötigen Hygiene-Auflagen. Vermittlungsgespräche finden nur nach vorheriger telefonischer Terminabsprache statt, anfangs maximal zwei pro Tag, seit Juni wieder häufiger. Diese Termin-Regelung wird bis auf Weiteres auch beibehalten.

Was während des Lockdowns ebenfalls möglich war: die Hundepaten kamen regelmäßig, um sich um ihre Hunde zu kümmern. Die Übergabe der Tiere fand dabei stets draußen vor dem Auslauf mit Abstand statt.

Corona-Tiere – die Heime füllen sich

Im Juni hat der Deutsche Tierschutzbund als Dachverband von über 740 Tierschutzvereinen und rund 550 Tierheimen verkündet, dass sich die befürchtete Abgabewelle von „Corona-Tieren“ abzeichnet. Deutschlandweit müssten immer mehr Tierheime Tiere aufnehmen, die während der Pandemie unüberlegt im Internet, beim Züchter oder im Zoofachhandel angeschafft wurden. Auch der illegale Welpenhandel, der durch die Corona-Krise einen Aufschwung erfuhr, führt mancherorts zu überfüllten Tierheimen (siehe dazu Beitrag auf Seite 8). Erste Tierheime hätten bereits einen Aufnahmestopp verkünden müssen.

Unser Goslarer Tierheim ist bislang von dieser Entwicklung nicht betroffen; jedoch können wir noch nicht absehen, was in den kommenden Monaten geschieht. „Gerade durch unser sorgsames Vermittlungskonzept möchten wir verhindern, dass die Fellnasen nach Beendigung des Homeoffice nicht mehr artgerecht betreut werden können und zehn Stunden alleingelassen werden.“, erläutert Sabine Reichardt, 2. Vorsitzende des Vereins. Allein damit lässt sich aber nicht verhindern, dass Tiere aus anderen Quellen nach der Home-Office-Zeit wegen Überforderung, der Unvereinbarkeit von Tier und Alltag oder aufgrund der Tatsache, dass das Tier nicht so „funktioniert“ wie erwartet, irgendwann im Heim landen. Oder diese Tiere im schlimmsten Fall sogar ausgesetzt werden. Wir hoffen jedoch, dass sich diese Prognose nicht so düster einstellt wie vom Deutschen Tierschutzbund befürchtet.

Kontakte fehlen

Trotz der recht glimpflichen Corona-Auswirkungen auf unseren Verein: tatsächlich bedauerlich sind die Ausfälle unserer Veranstaltungen. Das Sommerfest musste ein zweites Mal in Folge abgesagt werden, auch die Bescherung Heiligabend 2020 im Tierheim fand nicht statt. Und dass die Einweihung unseres neuen Hundehauses nach all den Jahren an Vorbereitung und Spendenaufrufen so still und leise abseits der Öffentlichkeit erfolgte, hat sehr geschmerzt. Nicht nur die Sichtbarkeit der Vereinsarbeit, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit leidet darunter. Vor allem vermissen wir den Kontakt und den Austausch mit Vereinsmitgliedern und Tierfreunden. Wir sind aber optimistisch, dass in baldiger Zukunft diese Kontakte wieder wie früher möglich sein werden.

Diese Hoffnung tut gut in der schwierigen Zeit. Bleiben Sie gesund.

 

ARKO 16Dieser Artikel erschien erstmals in ARKO, dem Magazin unseres Tierschutzvereins, Ausgabe 16, August 2021.