Allein in Deutschland werden schätzungsweise 50 Millionen männliche Küken an ihrem ersten Lebenstag getötet, meist durch Begasung mit Kohlendioxid. Das brutale Häckseln der lebenden Tiere, das umgangssprachliche Kükenschreddern, ist ebenso gängige Methode – jetzt sogar mit juristischem Freibrief.

Von Steve Niewisch

Da die männlichen Tiere der Legehennenrassen weniger schnell wachsen und einen höheren Nahrungsbedarf haben, ist die Mast weniger profitabel. Obendrein legen sie keine Eier, sind somit schlichtweg nutzlos - und werden noch im Verlauf des Schlüpftages vernichtet, um anschließend auf dem Müll zu landen oder als Futtermittel dienen zu dürfen. Und dies, obwohl das Töten von Wirbeltieren ohne Grund in Deutschland eigentlich gesetzlich verboten ist.

2013 wollte NRW-Landesumweltminister Johannes Remmel das Töten aus rein wirtschaftlichen Gründen per Erlass unterbinden. Daraufhin hatten landesweit elf Brütereien geklagt und teils von mehreren Verwaltungsgerichten in Nordrhein-Westfalen Recht bekommen. Letztendlich landete dieser Rechtsstreit beim Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster. Tierschutzverbände sahen eine historische Gelegenheit, diesen Missstand endlich zu beseitigen, stattdessen wurde das Urteil vom 20. Mai 2016 zu einem schwarzen Tag in der Geschichte des deutschen Tierschutzes.

Das Gericht entschied, dass „ethische Gesichtspunkte des Tierschutzes und menschliche Nutzungsinteressen“ gegeneinander abgewogen werden müssten. Die Tötung der Küken sei „Teil der Verfahren zur Versorgung der Bevölkerung mit Eiern und Fleisch“, die Aufzucht der ausgebrüteten männlichen Küken wäre für die Brütereien mit einem unverhältnismäßigen Aufwand verbunden - sprich: nicht wirtschaftlich genug.

Das deutsche Tierschutzgesetz erlaubt die ungestrafte Tötung von Tieren nämlich aus einem „vernünftigen Grund“, und eben diesen hat das OVG Münster der Geflügelzuchtindustrie mit ihren wirtschaftlichen Interessen bestätigt. Jedoch ist festzuhalten: unabhängig von dieser juristischen Entscheidung ist es schlicht verwerflich, dass in Deutschland bei der Produktion von Eiern und Hühnerfleisch die Effizienz über allem steht und das Tierwohl so offensichtlich keine Rolle spielt.

Niedersachsens traurige Rolle

Ausgerechnet Niedersachsen ist Eierproduzent Nummer eins in Deutschland - und damit auch mit etwa 27 Millionen getöteter Tiere trauriger Spitzenreiter. Zwar ist in Niedersachsen das Schreddern der Küken verboten, das generelle Töten allerdings ist erlaubt. Noch kurz vor dem Urteil, im Februar 2016, hatte der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer angekündigt, dass er das Töten männlicher Küken endgültig beenden wollte. Eine Ausnahmegenehmigung sollte dafür bis Ende 2017 auslaufen. Was aus diesem wünschenswerten Vorhaben nach der Entscheidung des OVG Münster nun wird, ist ungewiss; es ist seitdem auffallend ruhig um dieses Thema geworden.

Gibt es Alternativen?

Prinzipiell wäre es möglich, das Geschlecht des Huhnes im bebrüteten Ei zu ermitteln. Eier mit männlichem Embryo könnten dann vorzeitig aussortiert werden. Immerhin hat die Bundesregierung mehr als drei Millionen Euro in diese Forschung gesteckt. Jedoch ist diese Methode noch nicht serienreif, und obendrein würde dieser Weg nichts an den negativen Begleitumständen und Folgen der Hochleistungszucht ändern. Aus Tierschutzsicht wäre die Zweinutzungshühnerzucht die bessere Alternative - oder natürlich die grundsätzlich geringere Nachfrage nach möglichst billigem Geflügelfleisch. Unterm Strich aber hilft gegen diese tierschutzwidrige Praxis nur ein bundesweites, bestenfalls europaweites Verbot.

Das OVG hat eine Revision des Urteils übrigens nicht zugelassen. Hiergegen könnte nur eine Beschwerde zum Bundesverwaltungsgericht eingelegt werden – ein langwieriger, sich über Jahre hinziehender Weg. Man darf sich ausrechnen, wie viele Küken binnen dieser Zeit per Gas oder Häcksler ihren Tod gefunden haben werden.

 

ARKO 6Dieser Artikel erschien erstmals in ARKO, dem Magazin unseres Tierschutzvereins, Ausgabe 7, August 2016.