„Dem Hund mal zeigen, wer der Boss ist“ ist immer noch ein weit verbreiteter Trainings-Mythos in der Hundeerziehung. Der Hundehalter ist bereit, überzogene Methoden anzuwenden, um den Vierbeiner „unterzuordnen“. Das fördert allerdings weder den Lernerfolg noch die Mensch-Hund-Beziehung. Hunde brauchen tatsächlich nämlich etwas ganz anderes.

Von Kai Kleinewig

Trotz neuester Erkenntnisse in der Hundeerziehung ist in vielen Köpfen immer noch der Irrglaube verankert, dass der Mensch über dem Hund stehen muss. So werden skurrile Techniken erdacht, um das Tier mit allen Mitteln in der Hierarchie unter dem Menschen zu halten. Dabei ist die Hundeerziehung schon viel weiter und hat alle alten Mythen widerlegt.

Tatsächlich sind die wenigsten Hunde darauf bedacht, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die meisten wollen einfach ihre Ruhe haben, angemessen ausgelastet werden und ansonsten ein wahres Hundeleben führen. Dass es sich oft anders entwickelt, liegt nicht selten am Hundehalter selbst. Dieser glaubt nämlich, das Alphatier spielen zu müssen und vollzieht dies auf eine Art und Weise, die Hunde oft gar nicht verstehen, weil es nicht ihrem Weltbild entspricht. Der Vierbeiner sieht eine solche Methode daher eher als Bedrohung und nicht als Hinweis darauf, dass seine Besitzer vertrauenswürdig und respektabel sind.

Oft wird die so genannte Rangordnung zitiert, in der der Mensch - wie kann es anders sein? - ganz oben steht. Allerdings ist es so, dass es eine rassenübergreifende Rangordnung nicht gibt! Zurückzuführen ist die Theorie auf Wolfsbeobachtungen, die eine gewisse Rudelbildung und durch Aggression bedingte Rangordnung aufzeigte. Mittlerweile sind diese Annahmen widerlegt. Zum einen waren die Wölfe damals in Gefangenschaft, was deren Verhalten und Umgang veränderte; das ist in etwa so, als würde man Menschheitsforschung in einem Gefängnis betreiben und das dort beobachtete Verhalten verallgemeinert auf Personen in Freiheit übertragen wollen. Zum anderen ist man zu der wichtigen Erkenntnis gelangt, dass der Hund kein Wolf ist. Das klingt zunächst banal, ist aber genauso wichtig wie die Erkenntnis, dass der Mensch kein Affe ist. Auch wenn die Spezies voneinander abstammen, so würde es das Ergebnis verfälschen, wenn man das menschliche Verhalten anhand der Beobachtungen von Affen bewertet – zumindest in den meisten Fällen.

Selbst wenn eine Art Hierarchie in sozialen Verbänden (also Hunde, die ohne familiäre Abstammung zusammen leben) nachweisbar ist, so ist diese nicht 1:1 auf das Hund/Mensch-Team zu übertragen. Denn auch wenn der Hund per Definition nicht weiß, dass wir Menschen sind, so weiß er mit absoluter Sicherheit, dass wir keine Hunde sind. Wir setzen unsere Nasen kaum ein, hören schlecht, sind langsam, schwächlich, laufen unsinnigerweise auf zwei Beinen und sind in unserer Körpersprache oft so plump, dass man als Hund nur die Augen verdrehen kann.

Trotz dieser Defizite glauben viele Halter immer noch, sie wären dem Hund überlegen und nutzen selbst im täglichen Umgang Methoden, um ihn unterzuordnen. Zum Beispiel soll er nach dem Menschen durch eine Tür gehen. Oder bekommt sein Futter erst, nachdem ihm ein Keks vorgekaut wurde. Das geht sogar so weit, dass selbst in Hundeschulen immer noch mit Leinenruck und dem so genannten „Alphawurf“ trainiert wird, bei dem der Hund mit Gewalt auf den Boden gedrückt wird. Bei dieser Technik lernt der Hund: nichts! Außer vielleicht, dass seine Halter offenbar verrückt geworden sind.

Der richtige Umgang mit dem Hund ist nicht schwer und lässt sich in wenigen Worten formulieren: gewaltfrei, aber nicht antiautoritär; Regeln aufstellen, aber nicht zwanghaft einhalten; konsequent sein, aber freundlich bleiben. Versuchen Sie nicht, auf Teufel komm raus der Chef zu sein! Treffen Sie für den Hund nachvollziehbare Entscheidungen, haben Sie den längeren Atem, wenn es um deren Umsetzung geht, und bleiben sie cool. Das hilft dem Tier, sich in der Menschenwelt zu orientieren, und ist eigentlich schon die Zauberformel für die harmonische Hundehaltung.

Und wenn sie unbedingt der „Boss“ sein wollen, dann seien Sie wenigstens ein netter.

 

ARKO 3Dieser Artikel erschien erstmals in ARKO, dem Magazin unseres Tierschutzvereins, Ausgabe 3, Dezember 2014.